Um das Thema Ideale Stadt wieder auf die Tagesordnung zu setzen, planen wir eine
Ausstellung mit internationaler Beteiligung, die im Frühsommer 2006 in Zamość,
Polen und im Herbst 06 in Potsdam stattfinden soll. Es ist uns dabei ein zentrales
Anliegen, die eingeladenen internationalen Künstler mit zwei Idealstadtplanungen zu
konfrontieren, bzw. dem, was davon bis heute überdauert hat.
Die erste Station der Ausstellung ist Zamość, eine international nur wenig bekannte
Idealstadt, die in Gestalt und Struktur weitgehend vollständig überkommen ist.
Gegründet vom polnischen Kanzler Jan Zamoyski und zwischen 1580 und 1605 nach
Plänen des italienischen Architekten Bernado Morando errichtet, repräsentiert Zamość
die ideale Renaissancestadt aus humanistischem Geist. Sie lag an einer der wichtigen
alten Handelsstrassen, die Süd- und Osteuropa miteinander verbanden und ihre
Bewohner kamen aus allen Teilen Europas. Neben einer großen jüdischen Gemeinde,
deren Synagoge zu den städtebaulichen Eckpfeilern der Stadt zählt, siedelten sich in
Zamość schon zu Zeit der Stadtgründung Griechen und Armenier an, von denen heute
noch die stattlichen Bürgerhäuser am Rynek Wielki (Hauptplatz) zeugen. In den
folgenden Jahrhunderten wuchs die Stadt nur in Maßen gewachsen und bleib später
von verheerenden Zerstörungen weitgehend verschont. Heute liegt Zamość weit ab
von den urbanen Zentren Polens nahe der ukrainischen Grenze im Bezirk Lublin.
Potsdam dagegen wurde nicht als Idealstadt gegründet, sondern wuchs von einer
slawischen Siedlung zur kurfürstlich brandenburgischen Residenzstadt. Erst im
späten 17. und 18. Jahrhundert erhielt die Stadt durch Planungen von Johann
Gregor Memhardt, inspiriert von Ideen des Mathematikers und Idealstadtplaners
Nicolaus Goldmann, die am orthogonalen Raster orientierten Erweiterungen, die bis
heute den Stadtgrundriss prägen. Durch die völlige Zerstörung der Altstadt ist die
barocke Stadterweiterung Potsdams heute sogar ins Zentrum gerückt.
Wie in Zamość stand mit dem Kurfürsten Friedrich Wilhelm hinter den Potsdamer
Planungen und Umgestaltungen eine starke Herrscherpersönlichkeit; beide Städte sind
von der politischen Funktion der Repräsentation geprägt.
Beide Städte spielten auch in der Zeit der Nationalsozialistischen Herrschaft und der
Besetzung Polens eine jeweils außergewöhnliche Rolle. Vor dem Hintergrund diese
historischen Ereignisse erscheint die Idee der idealen Stadt in besonders nüchternem
Licht: Am 21. März 1933 fand in der Potsdamer Garnisonskirche der unter dem Begriff
‚Tag von Potsdam’ in die Geschichte eingegangene Staatsakt statt, den das Regime
ganz zu Beginn seiner Herrschaft als symbolische Verbindung von Preußentum und
Nationalsozialismus inszeniert hatte.
Im Rahmen des ‚Generalplan Ost’ wurde Zamość zum Sonderlaboratorium der SS.
Die umliegende Region sollte das erste deutsche ‚Großsiedlungsgebiet’ werden.
Im November 1942 begann eine gezielte Ansiedlung deutscher Familien. Zamość
selbst wurde in ‚Himmlerstadt’ umbenannt. Gleich¬zeitig wurden 35.000 Kinder aus
der Region ihren Familien entrissen, teils umgebracht, teils in Germanisierungsanstalten
verschleppt. Die ‚Rotunda’, ein ehemaliges Pulverlager, in der Gestapo und SS
Massenexekutionen durchführten, erinnert an diese Ereignisse.
Heute gehören beide Städte zum UNESCO Weltkulturerbe.
