Seit der frühen Moderne haben sich bildende Künstler intensiv mit der Idee

der Idealen Stadt befasst. Nicht selten gingen dabei utopisch-architektonische

Entwürfe und freie künstlerische Arbeiten eine unauflösbare Verbindung ein.

Das gilt für die Architekturphantasien der Gläsernen Kette um Bruno Taut ebenso

wie für die Entwürfe der russischen Konstruktivisten wie Tatlin, Malevitsch und

El Lisitzky und zieht sich bis hin zu Constants ‚New Babylon’ Projekt oder den Arbeiten

der Archigram Gruppe in den 1960er Jahren.

In den letzten 25 Jahren spielt diese Idee im künstlerischen Diskurs dagegen keine

nennenswerte Rolle mehr, obwohl sich viele Künstler in ihren Arbeiten mit dem

Themenbereich Raum/ Haus/ Stadt auseinandersetzen. Die weitgehende Absenz

utopischen Denkens im politischen und gesellschaftlichen Raum schlägt auch hier

deutlich auf die Künste durch. Während bis in die 1970er Jahre die Stadt als utopischer

Entwurf, als ‚Behausung’ für eine freie und humane Gesellschaft die Künstler

beschäftigte, ist es heute das Haus, die individuelle Hülle des Daseins, das als

Ausgangspunkt und Material für viele Installationen und Skulpturen dient. Die Liste

der Künstler, die sich mit diesem Thema auseinander¬gesetzt haben, ist mittlerweile

unüberschaubar. Sie reicht von Gordon Matta-Clark und Dan Graham über Mario Merz,

Rachel Whiteread, Pedro Cabrita Reis und Andrea Zittel bis hin zu jüngeren Künstlern

wie Monika Sosnowska. Dabei fällt auf, das in aktuellere Arbeiten Architektur kaum

mehr einer grundsätzlichen Kritik mit künstlerischen Mitteln unterzogen wird, wie das

für Matta-Clark oder die frühen Arbeiten von Dan Graham gilt. Es entstehen vielmehr

‚Archiskulpturen’, Behausungen, Zellen, Höhlen - symbolische oder reale Rückzugsorte.

Die Idee der Idealen Stadt war immer mit der Frage verbunden, wie die Welt am

besten einzurichten wäre. Daher entwickelte sich das Nachdenken über die Form

der idealen Stadt häufig parallel zu den politischen – gesellschaftlichen Utopien.

Das auffällige Desinteresse am Thema ‚Ideale Stadt’ ist sicher auch im

Totalitarismusverdacht begründet, unter den Utopien mittlerweile allgemein zu

stehen scheinen. Dieses grundsätzliche Misstrauen ist in Bezug auf Idealstadtplanungen

durchaus berechtigt. Ein totalitärer oder zumindest deutlich autoritärer Zug ist den

allermeisten Planungen eigen.

Nach geometrischen Gesetzmäßigkeiten, meist in Form orthogonaler Raster

geplant, verstehen sich die Idealstädte als Zeichen und Ausdruck der Rationalität

des Menschen. Die Nutzung des Rasters für den Stadtgrundriss fand häufig Ihre

Fortsetzung auch in den einzelnen Bauten, deren Fassaden und Bauformen immer

gleiche Grundmodule variieren. Die konkreten Bewohner der Städte sollten und

mussten sich in das vorgegebene Raster zu fügen. Die Einförmigkeit der Planungen

erstreckte sich bis in den menschlichen Alltag. Nicht selten bestimmten die Erfinder

der neuen Welten gleich auch noch eine allgemein verbindliche neue Kleiderordnung,

eine neue Sprache oder einen neuen Kalender. Standardisierung, strenge Hierarchien

und soziale Kontrolle sind nicht selten charakteristisch für die Idealstadtideen.

Nur wenige ideale Städte wurden teilweise oder ganz gebaut. Vor allem die

Idealstadtplanungen, die eng an gesellschaftliche Utopien gebunden waren, blieben

meist unrealisiert - es handelt sich um sozusagen unsichtbare Städte. Italo Calvinos

Sammlung von Stadtportaits, die unter dem Titel ‚Le città invisibili’ 1972 erschienen ist,

fügte den historischen Idealstadtplanungen aus dem Geist des Möglichkeitsdenken noch

eine poetische hinzu.

Aber es finden sich sowohl in Europa als auch in Nord- und Südamerika eine Reihe

von sichtbaren Städten, die ihre Gestalt der Idee der idealen Stadt verdanken.

Dazu gehören vor allem Fürstliche Gründungen wie die Renaissancestädte Sabbioneta

und Pienza in Italien sowie Zamość in Polen oder barocke Stadtanlagen wie Potsdam

und Vila Real de Santo Antonio in Portugal. Während sich in diesen Städten die klare

Aufrasterung des Stadtgrundrisses und die Einheitlichkeit der Bebauung teilweise bis

heute erhalten hat, ist das soziale Potential der idealen Stadt eher in den Siedlungen

spürbar, die aus dem Geist des utopischen Sozialismus im 19 Jahrhundert entstanden

sind, wie etwa Godins ‚Familistère’ im nordfranzösischen Guise oder den

Arbeitersiedlungen wie Karlsruhe Dammerstock oder der Berliner Hufeisensiedlung,

die als späte Erben der Idee in den 1920er Jahren vor allem in Deutschland entstanden

sind.

Heute geht von der Idee der idealen Stadt vor allem eine ästhetische Faszination aus.

Aber das strenge Raster und die klaren Gliederung erschöpfen sich nicht im

Oberflächenreiz, der utopischen Geist darunter ist – durchaus in seiner Abgründigkeit –

spürbar. Gerade heute, wo der der Diskurs über Gestalt und Entwicklung urbaner Räume

von ‚realpolitischen’ Themen wie etwa den ‚Shrinking Cities’ bestimmt wird, scheint uns

ein neuer Blick auf die Idee der Idealen Stadt angebracht.